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programm
17:00–18:30 Staatstheater Nürnberg/Orchesterprobensaal
Podiumsdiskussion

Von der Erinnerungskultur auf der Bühne zur virtuellen Erinnerungsarbeit, von der wissenschaftlichen Forschung zur Spielzeitplanung: Wie arbeiten wir unsere eigene Nazivergangenheit auf? Mit Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura, Jan Lazardzig, Stella Leder, Felicitas Friedrich. Moderation: Martín Valdés-Stauber

Vom Tabu zum Trend: Zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Theaterbetriebs

Lange Jahre war die NS-Zeit ein inoffizielles Tabuthema auf deutschsprachigen Bühnen: kaum Stücke, die sich des Themas annahmen. Und auch die historische Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte ist bis heute oft eine Leerstelle. Kaum ein Theater, dessen eigene Selbstdarstellung das Thema überhaupt aufgreift, geschweige denn eine Recherche darüber beauftragt, was sich zwischen 1933 und 1945 am eigenen Haus abgespielt hat. Das ändert sich jetzt – heute ist es fast schon ein Trend, die eigene „Nazivergangenheit” aufzuarbeiten, wenn auch noch lange kein Standard. Aber was lernen wir aus dieser Geschichte? Wollen wir der Opfer gedenken oder uns die Täter vornehmen – und mit welchem Erkenntnisinteresse? Wo sind die wahren Brüche und Kontinuitäten in dieser Geschichte? Das Panel behandelt sowohl die Erinnerungskultur auf der Bühne, wie beispielsweise das Projekt „Stolpersteine Staatstheater” von Hans-Werner Kroesinger und Regina Dura, als auch die Erinnerungsarbeit, wie sie ehrenamtlich und meist virtuell z.B. mit „Schicksale” an den Münchner Kammerspiele stattfindet. Es öffnet in die Forschung über die „braune Vergangenheit” der Theaterwissenschaft und des Theaterbetriebs und fragt nach der konkreten politischen Arbeit in der Spielzeitplanung.

Regine Dura ist Regisseurin, Autorin und Dramaturgin. Nach ihrem Studium der Theater-,Film- und Medienwissenschaft, Neueren Deutschen Literatur, Kunstpädagogik in Frankfurt/M. und Video an der Hochschule der Künste Berlin arbeitete sie im Film- und Produktionsbereich in Berlin und London u.a. für die European Film Academy, Wim Wenders Produktion und Darlow Smithson Productions. Film- und Radioproduktionen für ZDF/Arte, WDR und SWR. 2011 wurde ihr Dokumentarfilm WEISSES BLUT zum Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken eingeladen. Mit Hans-Werner Kroesinger kollaboriert sie seit 2000,. Neben Konzept/Stückentwicklung/ Text arbeitet sie auch als Co-Regisseurin und entwickelte u.a. SWAP – Wem gehört die Stadt“, MYTHOS VOEST und 10 AVE MARIA (Landestheater Linz, 2016/2018/2022), BRENNENDE ERDE und LETZTE STATION TORGAU (Schauspiel Leipzig, 2019 und 2023), und NOWHERE OUT und STOLPERSTEINE STAATSTHEATER (Staatstheater Karlsruhe, 2017 bzw. 2015), das zum Theatertreffen 2016 eingeladen wurde und viele internationale Gastspiele bestritt. Sie gibt Workshops zum Dokumentarischen Arbeiten und erhielt das Recherchestipendium des Berliner Senats und, gemeinsam mit Hans-Werner Kroesinger, das Residenzstipendium der Kulturakademie Tarabya (Istanbul) und der Villa Kamogawa (Kyoto).

© Stella Traub

Felicitas Friedrich, geboren 1997, ist Dramaturgin und Kulturvermittlerin. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften in München und Letras Hispanoamericanas in Santiago de Chile. In den Spielzeiten 2020/21 bis 2022/23 arbeitete sie als Dramaturgieassistentin an den Münchner Kammerspielen. Dort begleitete sie im Rahmen des künstlerischen Forschungsbereichs „Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart“ (Kuration: Martín Valdés-Stauber) Inszenierungen, Festivals und künstlerische Forschungsresidenzen. Künstlerische Zusammenarbeiten verbinden sie mit Martín Valdés-Stauber, Anastasiia Kosodii, Stas Zhyrkov, Ayşe Güvendiren, Laura Santos und Florian Fischer. Bis heute begleitet sie zusammen mit Martín Valdés-Stauber die Recherche von Janne und Klaus Weinzierl zur Erforschung der Schicksale der Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele, die ab 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Seit 2024 widmet sie sich als Kulturvermittlerin im Literaturarchiv der Monacensia einer Erinnerungskultur der Vielen.

Hans-Werner Kroesinger wurde 1962 in Bonn geboren. 1983 bis 1988 studierte er am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann. Seit 1993 waren Inszenierungen (in Auswahl sowohl an Bühnen wie dem Berliner Ensemble, dem Staatstheater Stuttgart, Staatstheater Karlsruhe, Schauspiel Leipzig, Staatstheater Nürnberg, Staatstheater Mainz, Landestheater Linz, dem Bayerischen Staatsschauspiel oder dem Maxim Gorki Theater Berlin als auch in der freien Szene vorwiegend am Hebbel am Ufer HAU in Berlin zu sehen. Seit 2000 regelmäßige Zusammenarbeit mit Regine Dura. Im Musiktheater inszenierte er am Forum Neues Musiktheater der Staatsoper Stuttgart und erarbeitete szenische Konzerte mit dem Berliner Rundfunkchor und dem Chor des WDR. Kroesingers Arbeiten wurden zu nationalen und internationalen Festivals wie mpulse (NRW 2009), De Internationale Keuze (Rotterdam 2007), Kunstfest Weimar (2014), Bitef (Belgrad 2014), MESS (Sarajevo 2014), Steirischer Herbst (2016), dem Berliner Theatertreffen (2016) und dem Berliner Theatertreffen in China 2017 eingeladen. 2007 erhielt der Regisseur den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin für seine Jugendtheaterinszenierung „Kindertransporte“ im Berliner Theater an der Parkaue.

© Lorenz Brandtner

Jan Lazardzig, Professor für Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte sind die Technik- und Wissensgeschichte von Theater, Theater und Zensur sowie Methoden der Historiografie. Aktuell Präsident der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Er veröffentlichte u.a. „Wissenschaft aus Gefolgschaft. Der Fall Hans Knudsen und die Anfänge der Theaterwissenschaft” (Berlin, 2023).

Stella Leder ist Autorin und Dramaturgin. Sie studierte Kunstgeschichte und Germanistik, war im Vorstand der Stiftung Zurückgeben, arbeitete für die Amadeu Antonio Stiftung und in der freien Theaterszene. 2015 gründete sie das Institut für Neue Soziale Plastik mit, einen Zusammenschluss jüdischer und antisemitismuskritischer Regisseur*innen, Dramaturg*innen, Autor*innen und Künstler*innen. Das Institut entwickelt Performances, Installationen und Ausstellungen. Es ist unter der Leitung von Stella Leder zu einem Knotenpunkt zwischen antisemitismuskritischen und jüdischen Künstler*innen auf der einen, sowie Theatern oder Museen auf der anderen Seite avanciert. 2021 erschienen Leders Bücher „Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten“ (Ullstein) und „Über jeden Verdacht erhaben? Antisemitismus in Kunst und Kultur“ (Hentrich & Hentrich).

Martín Valdés-Stauber studierte Soziologie und Wirtschaftswissenschaften in München, Friedrichshafen, Berkeley und Cambridge. Von 2017 bis 2023 war er Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Seit 2023 ist er Dramaturg an der Schaubühne. Regelmäßig entwickelt Martín Projekte mit dem Münchner Jewish Chamber Orchestra. Seit 2018 erforscht er im Langzeitprojekt SCHICKSALE die Biographien der im NS-Regime Verfolgten unter den Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele. 2021 gründete er den internationalen, künstlerischen Forschungsbereich „Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart“. Seine Regiearbeit „TIME BUSTERS” (Münchner Kammerspiele) war 2024 eingeladen zum Theatertreffen der Jugend.

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