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programm
13:00–14:30 Tafelhalle Nürnberg
Podiumsgespräch

Wie gestalten wir Erinnerungskulturen, die an der Zukunft unserer Gesellschaft arbeiten? Wie kommen wir von der Arbeit an der Erinnerung in ein politisches Handeln, welche Strategien können dabei Wirksamkeit entfalten? Mit Ibou Diop, Lena Gorelik, Jens-Christian Wagner, Caspar Weimann. Schlussplädoyer: Ayşe Güvendiren. Moderation: Shelly Kupferberg

Erinnerung, die Zukunft meint

Auf diesem Abschlusspanel sollen die Fäden der Tagung zusammenlaufen und eine Zukunftsvision entworfen werden: Wie weiter? Wie können (müssen) sich erinnerungskulturelle Arbeit und antifaschistischer Widerstand verbinden oder müssen sie für sich stehen? Was ist die Aufgabe der Kultureinrichtungen? Kurz vor der Landtags-Wahl hat der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Jens-Christian Wagner einen Brief an die Wähler*innen in Thüringen geschrieben, in dem er davor warnte, die AfD in Regierungsverantwortung zu wählen. Ausgehend von diesem Beispiel wollen wir Möglichkeiten diskutieren, wie gerade aus der Verantwortung der Kultur und ihrer Institutionen heraus neue Wege gefunden werden können, Widerstand gegen die schleichende Dehumanisierung zu leisten, Erinnerungskulturen resilienter gegen Angriffe von Rechts zu machen und nachhaltig in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu verankern, wie dabei Opferkonkurrenzen vermieden werden und solidarische Formen des Erinnerns entstehen können. Und nicht zuletzt, wie aus künstlerischen Praxen Perspektivwechsel initiiert und Weichen in eine andere, solidarische Zukunft gestellt werden können. Es diskutieren Ibou Diop, der für den Berliner Senat ein Erinnerungskonzept Kolonialismus entwickelt, Caspar Weimann, der*die maskulinistische rechte Netze auf TikTok mit Gegenerzählungen hackt und Prof. Dr. Jens-Christian Wagner aus Weimar, es moderiert Shelly Kupferberg.

Ibou Diop [iːbu dj͜ɔp] ist im Senegal aufgewachsen. Heute lebt er in Berlin. Er hat in Paris und Berlin Literaturwissenschaft studiert und zu Fragen von Globalisierung und Universalisierung im Werk von Michel Houellebecq promoviert. Ibou Diop ist Kurator von Diskursprogrammen und Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im Senegal und in Deutschland. Seine Arbeitspraxis hat einen starken Fokus auf partizipative Formate, die Kunst, Denken und Zivilgesellschaft zusammenbringen, um gemeinsam Räume zu besetzen und zu gestalten. Seit 2022 arbeitet er in eng mit zivilgesellschaftlichen Initiativen an Konzepten und Orten für die Erinnerung an Berlins koloniale Vergangenheit. Co-kuratiert von Max Czollek und ihm startete im Herbst 2024 das Festival „heimaten“ im HKW, ein mehrjähriges Programm zur Neudeutung des Heimatbegriffs.

© Habib Birdal

Ayşe Güvendiren ist Regisseurin und Autorin. 1988 in Wien geboren und in München aufgewachsen, studierte sie zunächst Jura an der Universität Augsburg sowie Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, bevor sie 2017 ihre Regieausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München begann. Ihre selbstentwickelten Regiearbeiten „Gegen Sätze/Gegensätze“ sowie „Recht(s) – Über das Verbrechen an Marwa El-Sherbini“, die während ihres Regiestudiums entstanden, wurden zum Theater- und Tanzfestival Rodeo 2020 eingeladen. Mit ihrer Diplomarbeit „R-Faktor. Das Unfassbare“ gewann sie den Preis des Körber Studio Junge Regie 2021 und wurde zu Fast Forward 2021, dem europäischen Festival für junge Regie, eingeladen. „R-Faktor. Das Unfassbare“ wurde vom Staatstheater Hannover übernommen, nachdem es an den Münchner Kammerspielen zu sehen war. Beide Häuser koproduzierten „Die Geschichte von Goliat und David“ Parallel dazu entstand am Stadttheater Gießen das theatrale Stadt-Projekt „Jahr der Erinnerungskultur“. Zuletzt wurde sie mit dem Dr. Otto-Kasten-Preis 2024 ausgezeichnet. Als markante Arbeit gilt den Preisgebern der Recherche-Theaterabend „Als wäre es gestern gewesen“, der 2023 am Nationaltheater Mannheim, in dem Angehörige von Opfern rechter wie auch staatlicher Gewalt „neben ihren persönlichen Erzählungen auch Lieder“ beisteuerten, „die für die Verstorbenen eine besondere Bedeutung hatten oder den Angehörigen Trost spendeten.

© Lena Gorelik

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolvierte sie den Elitestudiengang »Osteuropastudien«. Neben Romanen wie „Die Listensammlerin“, „Mehr Schwarz als Lila“ und „Wer wir sind“ schreibt sie Theaterstücke und Hörspiele sowie Beiträge zu gesellschaftlichen Themen, u. a. für SZ und ZEIT. Für ihr Schreiben erhielt sie verschiedene Preise, darunter zuletzt den Heinrich-Mann-Preis für Essayistik (2024), und war für den Deutschen Buchpreis nominiert.

© Mika Ceron

Shelly Kupferberg, in Tel-Aviv geboren, wuchs in West-Berlin auf. Sie studierte Publizistik, Theater- und Musikwissenschaften in Berlin. Neben zahlreichen Beiträgen für die ARD moderiert sie seit 30 Jahren Kultur-, Literatur und Gesellschaftsmagazine (DLF Kultur und radio3/rbb). Neben ihren regelmäßigen Live-Radiosendungen moderiert sie Konzerte, Lesungen und Tagungen, sowie Veranstaltungen für Kultureinrichtungen und Festivals. Im Herbst 2022 erschien ihr literarisches Debüt „Isidor“ bei Diogenes und stand auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, eine Theateradaption des Buches ist derzeit in Arbeit.

© Jens Meyer, Freidrich Schiller-Universität Jena

Jens-Christian Wagner leitet seit Oktober 2020 die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und ist Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zuvor leitete er die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle. Er forscht seit über 25 Jahren zur Geschichte des Nationalsozialismus, insbesondere der Konzentrationslager und der Zwangsarbeit, sowie zu Geschichts- und Erinnerungskulturen im internationalen Vergleich und hat dazu zahlreiche Ausstellungen kuratiert und Publikationen vorgelegt. Bekannt wurde er durch seine Briefe an die Thüringer Wähler*innen vor der Landtagswahl in Thüringen 2024, in denen er im Namen der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora vor der AfD warnte.

Caspar Weimann (er/sie/they) ist eine initiierende Kraft des onlinetheater.live und von zahlreichen transmedialen Projekten, hält Seminare, Workshops und Vorträge zu postdigitalen Theaterstrategien, zu partizipativem Theater im Netz und zur Theatralität von Social Media und ist Honorarprofessor*in und Mentor*in für Schauspiel an der ADK Baden-Württemberg.

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